Von Elke
Montag 30. April
Nun hatten wir sowieso nur drei ganze Tage Zeit in München zur Verfügung und diese waren dann auch noch hauptsächlich angefüllt mit dem Finish von "Ich will ins Internet". Und so kam es dann auch, dass die Nacht vom Sonntag auf Montag, unserem Abflugstag, recht kurz, bzw. arbeitsintensiv, ausfiel. Jedenfalls gab es in dieser Nacht gerade mal eine Stunde Schlaf und so waren wir mehr als froh, um 1:30pm wieder in der 737 der Britsh Airways zu sitzen.
Später in der 747 von London nach New York genehmigten wir uns auch noch unseren üblichen "Wellness-Drink", einen Gin'n'Tonic, und schliefen auch schon bald seelig. Kein Wunder, denn wir waren nicht bloß hundemüde, sondern kannten das Boardprogramm der BA auch schon zur Genüge. War ja schließlich der vierte Flug über den großen Teich innerhalb nur eines Monats. Von einem Kinobesuch für "1002 Dalmatiner", "Was Frauen wünschen", "Forrester - Gefunden" und dergleichen mehr, ist auch eher abzuraten. Warten, bis die Filme irgendwann mal im TV laufen.
Nach knappen sechs Stunden Flug landeten wir auf dem JFK, wo Oliver die Passkontrolle flott passiert, während ich mich in die Schlange der Touristen einreihen und warten muss. Dafür hatte er dann schon unsere zwei großen Koffer und unsere beiden großen Reisetaschen vom Förderband zusammengesammelt und wir können durch den Zoll. Natürlich werden wir gefragt, warum wir für gerade mal vier Tage Deutschland so viel Gepäck dabeihaben, doch lässt sich das glücklicherweise leicht aufklären. Draußen warten an die Hundert Menschen, schön in einer Warteschlange aufgereiht darauf, ein Taxi zu ergattern können. Was anfangs wie ein Problem aussieht, entpuppt sich schließlich als doch keines. Denn innerhalb weniger als 15 Minuten sitzen wir im Taxi, nicht ohne noch ein Faltblatt in die Hand gedrückt bekommen zu haben, das uns eine Telefonnummer für eventuelle Beschwerden nennt. Die Taxifahrt von JFK nach Manhattan rein ist immer wieder ein ganz besonderes Vergnügen: es geht durch die vielen Einfamilienhäuser in Queens, vorbei an einigen weniger schönen Mehrfamilienhäusern, bis irgendwann in der Ferne die Skyline auftaucht. Wenn man dann noch gegen Abend, zur Zeit der untergehenden Sonne unterwegs ist, bekommt man ein wunderschönes Farben- und Formenschauspiel geboten. Wie Scherenschnitte zeichnen sich die bekannten Bauten vorm rosa-gelb-orangen Abendhimmel ab.
Da es noch früher Abend ist, beschließen wir zu einem unserer "Stammlokale", dem Nice Guy Eddie's zu gehen und ein amerikanisches Mahl zu uns zu nehmen. Um die eigene Leber zu schonen, mache ich's ganz amerikanisch und spüle den Burger mit Diet Coke hinunter. Den Abend beschließen wir in einer weiteren Lieblingsbar der Rivertownlounge. Dann sind wir aber auch schon in Eile, denn wir wollen nicht unsere Lieblings-Sitcom auf Fox, Channel Five, verpassen: Seinfeld. Obwohl es mittlerweile viele gute Sitcoms oder Daily Soaps im TV gibt - auch im deutschen - so ist Seinfeld doch unübertroffen gut. Die Gags werden nie langweilig, sie sind stets neu und die Charaktere bei aller Boshaftigkeit doch liebevoll gezeichnet. Die Show ist schlichtweg absolut sehenswert und es wundert mich nicht, dass Jerry Seinfeld zu den reichsten Menschen Amerikas gehört.
Dienstag 1. Mai
Wir sind in Amerika!
Deshalb wird erstmal die Glotze angeschalten, um zwei Folgen Golden Girls zu schauen. Seit unserem ersten Tag in der Orchard Street begleiten uns die Girls, sie eröffnen und beenden unseren Tag (nach Seinfeld). Auch wenn man nach mehr als 100 Folgen Stereotypen erkennen kann, bleiben die Girls sehenswert. Gerade im amerikanischen Original kommt Blanches "Sooouuuthern Aaaaakzent" optimal zur Geltung und Roses "Saint Olaf Stories" sind einfach "hilarious"! Dazu noch Dorothy mit ihrer Mom: "Picture it: Sicily 1922..." Wie könnte ein guter Tag in den Start noch verbessert werden? Richtig! Durch ein leckeres Pastrami Sandwich! Doch nicht die fette, schwere Version mit Mayonnaise, Butter, Peanutbutter, Olivenöl, Creamcheese und was sonst noch, sondern einfach so: Weißbrot, Senf, Tomatenscheibe, Salatstreifen und die lauwarme Pastrami. Yummy!
Doch damit nicht genug: heute war DER Tag. Unser Cabelmodem sollte geliefert werden. Und in der Tat, klingelte es gegen 10 am und ruckzuck war das Cablemodem installiert. Eine halbe Stunde später kam noch eine Frau von TimeWarner vorbei, die das Modem konfigurieren wollte. Doch war das natürlich nicht mehr notwendig, da Oliver bereits alles selbst erledigt hatte. Jetzt surfen wir beinahe in Lichtgeschwindigkeit und sind den ganzen Tag online. Faszinierend. Wir sind happy, mit allen unseren FreundInnen und der großen weiten Welt auf so einfache Art verbunden sein zu können. Lang lebe das Cablemodem!
Unsere Planung für den Nachmittag hätten wir besser sein gelassen, denn es brachte außer Frust wenig ein. Wir besuchten eine Karrieretagung, bei der Oliver gesagt bekam, dass er ohne Erfahrung mit dem amerikanischen Markt gar nicht an einen Job in USA zu denken braucht. ! Auch wenn die Ratio weiß, dass das Blödsinn ist, so schlagen die Emotionen doch hoch.
Mittwoch 2. Mai
Den Morgen verbrachten wir mit den Golden Girls und dem Abchecken der Jobbörsen sowie dem Verschicken von Resumées. Dann liefen wir von zu Hause los in den Battery Park. Ein schöner Spaziergang, der zunächst durch Chinatown und dann auf den Broadway führt. Wir deckten uns noch mit Sushi ein und genossen anschließend den Sonneschein und den Blick auf's Meer und die Freiheitsstatue im Battery Park. Auf dem Rückweg machten wir Stop in einem Bookshop. Nein, nicht bei Barnes&Nobles, sondern bei "Borders" im World Trade Center. Oliver erwarb ein Buch zu UML. Und ich kaufte einen Titel aus der Reihe der CliffsNotes, so 'ne Art Reclam Erklärungstexte. Am meisten begeisterte mich eine Sache: auf dem Tisch der Taschenbuch Neuerscheinen lag doch tatsächlich ein bekannter Titel in unbekannter Aufmachung. Inmitten anderer Taschenbücher befand sich Benjamin Lieberts "Crazy" - Wow! - in Amerika verlegt zu sein, ist ein echtes Privileg. Dann hat man es beinahe schon geschafft. In den einschlägigen Newspapers lese ich immer wieder Klagen von britischen AutorInnen, dass sie nicht in den USA verlegt würden. Und dann der kleine Münchner Benjamin. Congrats! (In wie weit da der einflussreiche Papa mitgewirkt hat, ist nebensächlich.)
Wieder in unserem kleinen Studio angekommen, gab's für mich noch meine Lieblings-Teenie-Serie, die hier immer Mittwoch Abend läuft. Dass die hier mehr als 200 Folgen voraus sind, lässt sich nicht ändern und so schauen ich trotzdem mit dem größten Vergnügen: Dawson's Creek Übrigens: Pacey und nicht Dawson ist mein Favorit.
Donnerstag 3. Mai
Nach unserem üblichen Vormittagsritual brachen wir auf, zu einem Spaziergang durch die Lower Eastside und das East Village. Wir warfen neugierige Blicke in die vielen Innenhöfe und Gemeinschaftsgärten. Ende Mai wird im Rahmen des Earthcelebrations Day auch für die Erhaltung dieser grünen Oasen gekämpft und gefeiert werden.
Nachdem wir die Nachbarschaft genug bewundert und erkundet hatten - hier würde ich echt gerne wohnen! - suchten wir eine Lokalität mit Happy Hour auf. In New York werden wir nämlich noch zu Schwaben, denen man ja große Sparsamkeit nachsagt. Wir fanden bei Ryan's Pub auf der 2nd ave, 11st St was wir suchten. Wo immer ein wenig Platz ist, werden Tische und Stühle rausgestellt, eine Umzäunung gezogen und Gäste bewirtet. Neben einem Happy Hour Drink genehmigten wir uns einen Burger, bzw. einen Salat mit Kaktus und Ziegenkäse.
Um auch unsere Vorräte zu Hause aufzustocken, machten wir beim Key Food in der Avenue A halt. Unnötig zu sagen, dass dies ein gigantischer 24/7 Supermarkt ist, das heißt, er hat an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr geöffnet. Paradiesisch?!
Freitag 4. Mai
Nachdem wir am Vortag eingekauft hatten, gab's heute ein Schlemmer-Frühstück. Ich bestrich Spinatwraps mit Senf sowie etwas Hüttenkäse und legte darauf Gurke, Tomate, Salat, und ein paar dünne Scheiben Putenbrust. Zuletzt wurde das Ganze noch mit viel Chilli sowie etwas Thymian bestreut und schließlich zu Wraps zusammengerollt. Mehr Eigenkrationen gibt's hier. Unsere Laune sank trotz der leckeren Wraps auf den Nullpunkt, da sich Jobmäßig zu wenig tat.
Oliver rief also wieder mal einen der Recruiter an und siehe da - hatte der doch plötzlich ein Job-Interview. Wie schnell denn Oliver in Brooklyn sein könnte. Tja, da wir nahe an der F wohnen, ist das überhaupt kein Problem, und so schlüpfte Oliver flink in adäquate Klamotten und ich begleitete ihn nach Brooklyn. Während Oliver bei seinem Interview schwitzte, war ich im Drugstore Rite Aid, der Konkurrenz zu Duane Read, "Produkte umdrehen", wie Oliver es gerne nennt.
Nach dem Bewerbungsgespräch erkundeten wir noch ein wenig die Montague-Street und kehrten schließlich im Garten eines griechischen Lokals ein. Bei Mr. Souvlaki gönnten wir uns ein Schlückchen und stießen auf unser 11-Jähriges an.
Zurück in Manhattan fuhren wir nach Midtown in den China Club, wo es eine After Work Party gab.
Da zwar die Aussicht auf der Dachterasse durchaus sehenswert, nicht aber die Musik hörenswert waren, beschlossen wir, unser Geld woanders auszugeben. Bei uns im Viertel!
Von den vielen, vielen Lokalen in der Ludlowstreet pickten wir uns das Barramundi heraus. Ein echtes Kleinod!
Samstag 5. Mai
Jetzt wo wir uns schon mal nach Brooklyn gewagt hatten, konnten wir es ruhig ein zweites Mal tun. Gesagt, getan und so brachen wir nach Coney Island auf. Der F-Train brachte uns von der Delancy Station bis zur Stillwell Avenue in gerade mal 35 Minuten und das für lediglich 1 Dollar 50.
Euphemistisch wird Coney Island oft als Vergnügungsparadies mit verblichenen Charme bezeichnet. Auch "Ort von unsäglicher Tristesse" habe ich schon gelesen. Dabei ist es schlicht unendlich heruntergekommen, um nicht explizitere Ausdrücke zu bemühen. Doch so sehr dieser Vergnügungspark auch unvergnüglich sein mag, der Strand ist es nicht. Die Küste entlang zieht sich für viele Kilometer ein zweihundert Meter breiter feinkörniger Sandstrand. Am Strand selbst tummeln sich Familien oder Pärchen, die entweder nicht genug Geld haben, um an einen der nur mit Auto erreichbaren vornehmeren Strände zu fahren, oder die schlichtweg nicht daran denken, so viel Wegstrecke auf sich zu nehmen. Aufgrund der vielen Hispanics und Afro-Amerikaner fühlt man sich hier wie im Urlaub. Und das gerade mal eine halbe Stunde vom heimischen Domizil entfernt.
Über Coney Island gibt's sicher noch mehr zu berichten...