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Sunday
Apr152001

15. Woche 2001

Von Oliver

Wir sind ja nicht das erste Mal in New York, aber dieses Mal ist es natürlich etwas Besonderes. Das beginnt schon mit den vier Gepäckstücken plus 2 Laptops, ein absoluter Rekord für uns.

Am Flughafen wollte uns dann auch gleich ein netter Herr weismachen, dass kein New Yorker Taxi soviel Gepäck mitnehmen würde und wir deswegen unbedingt sein inoffizielles "Hotel-Taxi" nehmen müssten.

Am liebsten hätten wir gesagt: "Sie sind der, vor dem uns alle gewarnt haben", denn nicht nur alle Reiseführer, sondern auch eine Durchsage im Terminal weist darauf hin, dass man nur die echten Yellow Cabs nehmen sollte. Das haben wir dann auch eisern getan und sind für $40 ($30 Flatrate + Toll + Tip) zu unserer neuen Heimat gekommen.

Okay, in New York lebt man anders als in München. Unser Apartment ist ziemlich klein und nicht unbedingt luxuriös, aber das wussten wir ja. Und mit ein bisschen Einrichtung lässt sich da bestimmt viel machen. Als Bonus haben wir auch ein paar moderne Gemälde bekommen, die dem Zimmer Atmosphäre geben.

Trotz der durchgemachten Nacht konnten wir - dank des Jetlags - gleich am Abend der Ankunft die Gegend erkunden. Wie wir schon geahnt hatten, ist die Lower East Side eine beliebte Gegend zum Ausgehen. Ein Club reiht sich an den anderen und Samstags gibt es dort sogar echte Türsteher - Schwarze im Schrankformat mit Anzug - und die dazugehörenden Schlangen von Nachtschwärmern.

Bei der ersten Gelegenheit haben wir gleich ein Faltblatt von Bürgermeister Giuliani bekommen, in dem interessante Tipps zur persönlichen Sicherheit auf der Straße, zuhause und sonst wo stehen. Danke! Nach einer Woche denken wir allerdings, dass die zahllosen Polizeiwagen, die die Lower East Side Tag und Nacht durchkreuzen, dafür sorgen, dass man sich einigermaßen ungezwungen in der Stadt bewegen kann. An diesem ersten Abend haben wir übrigens auf die hippen Clubs verzichtet und sind in unsere alte Stammkneipe Nice Guy Eddie's gegangen, wo wir uns davon überzeugen durften, dass die Halbe wirklich $5 kostet.

Überhaupt die Preise. Ein erster Überblick bestätigt alles Schreckliche, was man über New York hört - es ist einfach schweineteuer. Aushalten kann man es nur, wenn man aufhört Dollar, in D-Mark umzurechnen und sich immer wieder einredet, dass ein Bier oder ein Essen in Manhattan eben einfach mehr wert ist, als sonstwo auf der Welt (An Thailand wollen wir hier lieber nicht denken...)

Den Rest der Woche haben wir dann mit Streifzügen durch die Stadt verbracht. Nach Norden, die Avenues hoch Richtung Central Park, nach Süden, den Broadway nach unten Richtung Battery Park und World Trade Center. Wir haben ein Sushi-Picknick im Central Park genossen und schöne Wohngegenden in Soho und Greenwich Village angeschaut.

Bei dieser Gelegenheit haben wir uns auch ausgestattet mit Geschirr (besonders gut in Chinatown), mit verschiedenen Adaptern und Kabeln um unsere Geräte anzuschließen und Kleinigkeiten für den Haushalt. Elkes Lieblingsläden sind dabei Odd-Job, eine Art Trödler mit allen möglichen Produkten und Duane Reade, New Yorks allgegenwärtiger Drogeriemarkt.

Großes Vergnügen bereiten uns natürlich die Öffnungszeiten der Geschäfte. Wochenenden oder Feiertage gibt es fast nicht. Viele Läden haben bis spät in die Nacht oder sogar rund um die Uhr auf. Zwar haben wir noch nicht herausgefunden, wie sich das auf's Preisniveau niederschlägt, aber man fühlt sich von dem Druck befreit bestimmte Dinge zu bestimmten Zeiten erledigen zu müssen. Keine Getränke oder kein Klopapier mehr - kein Problem, das gibt es an der nächsten Ecke auch noch um Mitternacht.

Am Montag haben wir gleich endlich Ian, mit dem wir seit Wochen im E-Mail-Verkehr stehen, persönlich kennengelernt. Er wohnt ebenfalls in einer recht kleinen Wohnung in der Upper East Side. Am Dienstag haben wir ihn dann in seinem Büro an der 5th Ave. abgeholt und einen ersten Eindruck von der Arbeitswelt in New York gewonnen: es sieht nicht viel anders aus als bei uns!

Einen Eindruck konnten wir auch von der amerikanischen Bürokratie gewinnen. Als erstes braucht man eine Social Security Number (SSN), ansonsten ist man sozusagen nicht existent und kann nicht einmal ein Bankkonto eröffnen, das man wiederum benötigt, um seine Rechnungen zu zahlen oder jemals eine Wohnung mieten zu können. Glücklicherweise befindet sich eine Zweigstelle der Social Security Administration direkt um die Ecke von unserer Wohnung in der Delancey St.. Im Prinzip ist alles ganz einfach - man muss nur ein Formular ausfüllen und abgeben. Wenn man aber über 18 ist und noch nie eine SSN besessen hat, dann muss man eine Nummer ziehen, warten und sich einem Interview unterziehen, dessen Sinn sich einem eigentlich nicht erschließt. Auf jeden Fall ist der Antrag durch und wir müssen nur noch 2 Wochen auf die SSN warten....

Sunday
Apr222001

16. Woche 2001

Von Elke

Die Ostertage sind kaum merklich an uns vorübergegangen. Wären wir nicht doch noch am Sonntag durch Little Italy spaziert, man hätte von Ostern nichts mitbekommen. Doch auf die Italiener oder italienischen Amerikaner ist Verlass! Osterhasen und Ostereier überspannen die Straßen. Nein, Einzahl ist wohl eher angebracht, denn Little Italy besteht ja nur mehr aus der Mulberry Street. Dort reiht sich dann auch ein Lokal an das andere und Heimweh nach Italien lässt sich dort wohl ein wenig kurieren. Hier locken Vino rosso, pizza und pasta typica italiana und wer noch mehr braucht, kann sich in einem der vielen Andenkenlädchen eindecken.

Doch nicht wir!

Ausgerechnet am Ostersonntag wollten wir mal wieder eigene Küche genießen, der aber noch jegliche Zutaten fehlten. In diesem Fall war nun wiederum auf die Asiaten Verlass. Den Ostersonntag ignorierend, wurde mit allen erdenklichem Obst und Gemüse sowie Fisch und Fleisch gehandelt. Wir entschieden uns für eine Jahrespackung Thai-Reis, Sesamöl, Sojasoße, zwei blauweiße Porzellanschalen, Ingwer, Knoblauch, Chilli, Broccoli, Asia-Spinat und Pilze. Die Zubereitung auf dem heimischen Gasherd machte Spaß und geschmeckt hat es zudem.

Noch nicht lange in Amerika und schon haben wir mehrere Lieblingssender. So zeigte AandE.com die zweite Folge seiner Eigenproduktion "Horatio Hornblower", ein Seeabenteuer, das wir nicht verpassen wollten. Derzeit sind wir natürlich fremden Abenteuern gegenüber ganz besonders aufgeschlossen.

Am Ostermontag galt es ein neues Viertel zu erkunden: Hells Kitchen! Das ist die Gegend westlich vom Times Square. Ken, ein Freund von Ian, lud zu seiner Housewarming Party ein. Wir wussten bereits, er würde ein tolles Apartment einweihen wollen, doch wussten wir nicht, wie toll. Ein Concierge meldete uns bei Ken an. Und dann befanden wir uns im Appartment, im 29. Stock und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Das da draußen war Manhattan! Das Empire State Building, und ganz unten das World Trade Center, östlich davon der Hudson und so war natürlich auch New Jersey in Sichtweite. WOW! Die Sonne war gerade am Untergehen und der Wechsel von Tag zu Nacht mitzuerleben.

Nicht alle Tage können mit überwältigenden Neuigkeiten angereichert sein, wenngleich der erste größere Supermarkt-Einkauf durchaus ein Erlebnis sein kann.

Wieso steht auf dieser Packung mit Cheddar "It's 100% Cheese"? Aha, weil auf dieser hier "Made With 40% real Cheese" steht. Da ich gar nicht wissen will, was die restlichen 60% sind, greife ich zum "Real Cheese". Ähnlich sieht's bei den Milchprodukten aus: Low Fat Joghurt, Low Fat Butter, Low Fat Whatever. Wo bitteschön finde ich 3,5% linksdrehenden Joghurt mit Biokulturen? Muss ich wohl in ein Dairy Products Fachgeschäft gehen, hier jedenfalls finde ich nur Joghurt, der aus Soja und Gelatine und noch so anderen Dingen besteht. Dafür hat er halt kein Fett. Auch kann ich in diesem an sieben Tagen rund um die Uhr geöffneten Supermarkt aus zig verschiedenen Marken von Fleischzartmachern, Salzersatzstoffen, Geschmacksverstärkern und so fort wählen. Andererseits gibt es gerade in New York ja superfrische Produkte, von bislang unbekannter Qualität. Diese kauft man halt nicht im Supermarkt, sondern in Chinatown oder wenn man etwas mehr Geld übrig hat in einem der v vielen Delis und kleinen Groceries. Wie so oft auch hier wieder: alles eine Frage des Geldes und der Einstellung.

Sunday
Apr292001

17. Woche 2001

Von Oliver

Zweieinhalb Wochen New York erschienen uns wie eine Ewigkeit, aber auch die sind irgendwann vorbei und am Mittwoch erwartet uns der Rückflug nach München. Elke erwartet dazu noch eine Deadline für ihr Buch - deswegen haben wir wenig Zeit, um uns um New York zu kümmern.

Am Mittwoch hatte ich noch ein Bewerbungsgespräch in Downtown - auf dem Heimweg kam ich noch an Filmaufnahmen in Little Italy vorbei. Für die Dreharbeiten wurde extra die Mulberry Street um einen Block verlegt. Hier erwartet man bei Filmaufnahmen natürlich Hollywoodstars und so wartete ich 20 Minuten um vielleicht jemand zu sehen, den ich kenne. Leider rannten nur die üblichen Filmleute aufgeregt hin und her und es war absolut nicht zu erkennen, was da gedreht wurde.

Zum Mittagessen gingen wir dann zu Rosario, der einfach frech an seinen Laden schreibt, dass er die beste Pizza der Stadt hat. An diesem Tag beschloss Rosario, seine Gäste mit einer Dokumentation zu beglücken, die ihn im Kampf mit einem großen Pizzakonzern zeigt (vielleicht Ray's Pizza?). Der Gag: die Dokumentation war in Deutsch und wir waren die einzigen, die verstanden, um was es da ging. Auf jeden Fall ist Rosario schon seit 29 Jahren in New York, die Pizza und die Lasagne sind wirklich gut und auch recht preiswert.

Sunday
May062001

18. Woche 2001

Von Elke

Montag 30. April
Nun hatten wir sowieso nur drei ganze Tage Zeit in München zur Verfügung und diese waren dann auch noch hauptsächlich angefüllt mit dem Finish von "Ich will ins Internet". Und so kam es dann auch, dass die Nacht vom Sonntag auf Montag, unserem Abflugstag, recht kurz, bzw. arbeitsintensiv, ausfiel. Jedenfalls gab es in dieser Nacht gerade mal eine Stunde Schlaf und so waren wir mehr als froh, um 1:30pm wieder in der 737 der Britsh Airways zu sitzen.

Später in der 747 von London nach New York genehmigten wir uns auch noch unseren üblichen "Wellness-Drink", einen Gin'n'Tonic, und schliefen auch schon bald seelig. Kein Wunder, denn wir waren nicht bloß hundemüde, sondern kannten das Boardprogramm der BA auch schon zur Genüge. War ja schließlich der vierte Flug über den großen Teich innerhalb nur eines Monats. Von einem Kinobesuch für "1002 Dalmatiner", "Was Frauen wünschen", "Forrester - Gefunden" und dergleichen mehr, ist auch eher abzuraten. Warten, bis die Filme irgendwann mal im TV laufen.

Nach knappen sechs Stunden Flug landeten wir auf dem JFK, wo Oliver die Passkontrolle flott passiert, während ich mich in die Schlange der Touristen einreihen und warten muss. Dafür hatte er dann schon unsere zwei großen Koffer und unsere beiden großen Reisetaschen vom Förderband zusammengesammelt und wir können durch den Zoll. Natürlich werden wir gefragt, warum wir für gerade mal vier Tage Deutschland so viel Gepäck dabeihaben, doch lässt sich das glücklicherweise leicht aufklären. Draußen warten an die Hundert Menschen, schön in einer Warteschlange aufgereiht darauf, ein Taxi zu ergattern können. Was anfangs wie ein Problem aussieht, entpuppt sich schließlich als doch keines. Denn innerhalb weniger als 15 Minuten sitzen wir im Taxi, nicht ohne noch ein Faltblatt in die Hand gedrückt bekommen zu haben, das uns eine Telefonnummer für eventuelle Beschwerden nennt. Die Taxifahrt von JFK nach Manhattan rein ist immer wieder ein ganz besonderes Vergnügen: es geht durch die vielen Einfamilienhäuser in Queens, vorbei an einigen weniger schönen Mehrfamilienhäusern, bis irgendwann in der Ferne die Skyline auftaucht. Wenn man dann noch gegen Abend, zur Zeit der untergehenden Sonne unterwegs ist, bekommt man ein wunderschönes Farben- und Formenschauspiel geboten. Wie Scherenschnitte zeichnen sich die bekannten Bauten vorm rosa-gelb-orangen Abendhimmel ab.

Da es noch früher Abend ist, beschließen wir zu einem unserer "Stammlokale", dem Nice Guy Eddie's zu gehen und ein amerikanisches Mahl zu uns zu nehmen. Um die eigene Leber zu schonen, mache ich's ganz amerikanisch und spüle den Burger mit Diet Coke hinunter. Den Abend beschließen wir in einer weiteren Lieblingsbar der Rivertownlounge. Dann sind wir aber auch schon in Eile, denn wir wollen nicht unsere Lieblings-Sitcom auf Fox, Channel Five, verpassen: Seinfeld. Obwohl es mittlerweile viele gute Sitcoms oder Daily Soaps im TV gibt - auch im deutschen - so ist Seinfeld doch unübertroffen gut. Die Gags werden nie langweilig, sie sind stets neu und die Charaktere bei aller Boshaftigkeit doch liebevoll gezeichnet. Die Show ist schlichtweg absolut sehenswert und es wundert mich nicht, dass Jerry Seinfeld zu den reichsten Menschen Amerikas gehört.

Dienstag 1. Mai
Wir sind in Amerika!

Deshalb wird erstmal die Glotze angeschalten, um zwei Folgen Golden Girls zu schauen. Seit unserem ersten Tag in der Orchard Street begleiten uns die Girls, sie eröffnen und beenden unseren Tag (nach Seinfeld). Auch wenn man nach mehr als 100 Folgen Stereotypen erkennen kann, bleiben die Girls sehenswert. Gerade im amerikanischen Original kommt Blanches "Sooouuuthern Aaaaakzent" optimal zur Geltung und Roses "Saint Olaf Stories" sind einfach "hilarious"! Dazu noch Dorothy mit ihrer Mom: "Picture it: Sicily 1922..." Wie könnte ein guter Tag in den Start noch verbessert werden? Richtig! Durch ein leckeres Pastrami Sandwich! Doch nicht die fette, schwere Version mit Mayonnaise, Butter, Peanutbutter, Olivenöl, Creamcheese und was sonst noch, sondern einfach so: Weißbrot, Senf, Tomatenscheibe, Salatstreifen und die lauwarme Pastrami. Yummy!

Doch damit nicht genug: heute war DER Tag. Unser Cabelmodem sollte geliefert werden. Und in der Tat, klingelte es gegen 10 am und ruckzuck war das Cablemodem installiert. Eine halbe Stunde später kam noch eine Frau von TimeWarner vorbei, die das Modem konfigurieren wollte. Doch war das natürlich nicht mehr notwendig, da Oliver bereits alles selbst erledigt hatte. Jetzt surfen wir beinahe in Lichtgeschwindigkeit und sind den ganzen Tag online. Faszinierend. Wir sind happy, mit allen unseren FreundInnen und der großen weiten Welt auf so einfache Art verbunden sein zu können. Lang lebe das Cablemodem!

Unsere Planung für den Nachmittag hätten wir besser sein gelassen, denn es brachte außer Frust wenig ein. Wir besuchten eine Karrieretagung, bei der Oliver gesagt bekam, dass er ohne Erfahrung mit dem amerikanischen Markt gar nicht an einen Job in USA zu denken braucht. ! Auch wenn die Ratio weiß, dass das Blödsinn ist, so schlagen die Emotionen doch hoch.

Mittwoch 2. Mai
Den Morgen verbrachten wir mit den Golden Girls und dem Abchecken der Jobbörsen sowie dem Verschicken von Resumées. Dann liefen wir von zu Hause los in den Battery Park. Ein schöner Spaziergang, der zunächst durch Chinatown und dann auf den Broadway führt. Wir deckten uns noch mit Sushi ein und genossen anschließend den Sonneschein und den Blick auf's Meer und die Freiheitsstatue im Battery Park. Auf dem Rückweg machten wir Stop in einem Bookshop. Nein, nicht bei Barnes&Nobles, sondern bei "Borders" im World Trade Center. Oliver erwarb ein Buch zu UML. Und ich kaufte einen Titel aus der Reihe der CliffsNotes, so 'ne Art Reclam Erklärungstexte. Am meisten begeisterte mich eine Sache: auf dem Tisch der Taschenbuch Neuerscheinen lag doch tatsächlich ein bekannter Titel in unbekannter Aufmachung. Inmitten anderer Taschenbücher befand sich Benjamin Lieberts "Crazy" - Wow! - in Amerika verlegt zu sein, ist ein echtes Privileg. Dann hat man es beinahe schon geschafft. In den einschlägigen Newspapers lese ich immer wieder Klagen von britischen AutorInnen, dass sie nicht in den USA verlegt würden. Und dann der kleine Münchner Benjamin. Congrats! (In wie weit da der einflussreiche Papa mitgewirkt hat, ist nebensächlich.)

Wieder in unserem kleinen Studio angekommen, gab's für mich noch meine Lieblings-Teenie-Serie, die hier immer Mittwoch Abend läuft. Dass die hier mehr als 200 Folgen voraus sind, lässt sich nicht ändern und so schauen ich trotzdem mit dem größten Vergnügen: Dawson's Creek Übrigens: Pacey und nicht Dawson ist mein Favorit.

Donnerstag 3. Mai
Nach unserem üblichen Vormittagsritual brachen wir auf, zu einem Spaziergang durch die Lower Eastside und das East Village. Wir warfen neugierige Blicke in die vielen Innenhöfe und Gemeinschaftsgärten. Ende Mai wird im Rahmen des Earthcelebrations Day auch für die Erhaltung dieser grünen Oasen gekämpft und gefeiert werden.

Nachdem wir die Nachbarschaft genug bewundert und erkundet hatten - hier würde ich echt gerne wohnen! - suchten wir eine Lokalität mit Happy Hour auf. In New York werden wir nämlich noch zu Schwaben, denen man ja große Sparsamkeit nachsagt. Wir fanden bei Ryan's Pub auf der 2nd ave, 11st St was wir suchten. Wo immer ein wenig Platz ist, werden Tische und Stühle rausgestellt, eine Umzäunung gezogen und Gäste bewirtet. Neben einem Happy Hour Drink genehmigten wir uns einen Burger, bzw. einen Salat mit Kaktus und Ziegenkäse.

Um auch unsere Vorräte zu Hause aufzustocken, machten wir beim Key Food in der Avenue A halt. Unnötig zu sagen, dass dies ein gigantischer 24/7 Supermarkt ist, das heißt, er hat an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr geöffnet. Paradiesisch?!

Freitag 4. Mai
Nachdem wir am Vortag eingekauft hatten, gab's heute ein Schlemmer-Frühstück. Ich bestrich Spinatwraps mit Senf sowie etwas Hüttenkäse und legte darauf Gurke, Tomate, Salat, und ein paar dünne Scheiben Putenbrust. Zuletzt wurde das Ganze noch mit viel Chilli sowie etwas Thymian bestreut und schließlich zu Wraps zusammengerollt. Mehr Eigenkrationen gibt's hier. Unsere Laune sank trotz der leckeren Wraps auf den Nullpunkt, da sich Jobmäßig zu wenig tat.

Oliver rief also wieder mal einen der Recruiter an und siehe da - hatte der doch plötzlich ein Job-Interview. Wie schnell denn Oliver in Brooklyn sein könnte. Tja, da wir nahe an der F wohnen, ist das überhaupt kein Problem, und so schlüpfte Oliver flink in adäquate Klamotten und ich begleitete ihn nach Brooklyn. Während Oliver bei seinem Interview schwitzte, war ich im Drugstore Rite Aid, der Konkurrenz zu Duane Read, "Produkte umdrehen", wie Oliver es gerne nennt.

Nach dem Bewerbungsgespräch erkundeten wir noch ein wenig die Montague-Street und kehrten schließlich im Garten eines griechischen Lokals ein. Bei Mr. Souvlaki gönnten wir uns ein Schlückchen und stießen auf unser 11-Jähriges an.

Zurück in Manhattan fuhren wir nach Midtown in den China Club, wo es eine After Work Party gab.

Da zwar die Aussicht auf der Dachterasse durchaus sehenswert, nicht aber die Musik hörenswert waren, beschlossen wir, unser Geld woanders auszugeben. Bei uns im Viertel!

Von den vielen, vielen Lokalen in der Ludlowstreet pickten wir uns das Barramundi heraus. Ein echtes Kleinod!

Samstag 5. Mai
Jetzt wo wir uns schon mal nach Brooklyn gewagt hatten, konnten wir es ruhig ein zweites Mal tun. Gesagt, getan und so brachen wir nach Coney Island auf. Der F-Train brachte uns von der Delancy Station bis zur Stillwell Avenue in gerade mal 35 Minuten und das für lediglich 1 Dollar 50.

Euphemistisch wird Coney Island oft als Vergnügungsparadies mit verblichenen Charme bezeichnet. Auch "Ort von unsäglicher Tristesse" habe ich schon gelesen. Dabei ist es schlicht unendlich heruntergekommen, um nicht explizitere Ausdrücke zu bemühen. Doch so sehr dieser Vergnügungspark auch unvergnüglich sein mag, der Strand ist es nicht. Die Küste entlang zieht sich für viele Kilometer ein zweihundert Meter breiter feinkörniger Sandstrand. Am Strand selbst tummeln sich Familien oder Pärchen, die entweder nicht genug Geld haben, um an einen der nur mit Auto erreichbaren vornehmeren Strände zu fahren, oder die schlichtweg nicht daran denken, so viel Wegstrecke auf sich zu nehmen. Aufgrund der vielen Hispanics und Afro-Amerikaner fühlt man sich hier wie im Urlaub. Und das gerade mal eine halbe Stunde vom heimischen Domizil entfernt.

Über Coney Island gibt's sicher noch mehr zu berichten...

Sunday
May132001

19. Woche 2001

Von Oliver

Am Sonntag ging die große Godfather-Woche auf Bravo los und das war für uns die Gelegenheit, endlich mal diesen Meilenstein der Kinogeschichte zu sehen. In der Tat treten dort Al Pacino und Robert De Niro nicht gemeinsam auf, das tun sie bekanntlich erst 23 Jahre später 1995 in "Heat". Auch wenn sich uns die Magie dieses Films nicht ganz erschlossen hat, wir haben ein paar Einblicke in Little Italy gewonnen, das glücklicherweise nicht mehr so wild ist, wie zu Godfathers's Zeiten.

Dienstag morgen haben wir uns dann das erste Mal in die Bürokratie des INS, des Immigration und Naturalization Service, gestürzt. Wir sind guten Mutes losgezogen, bewaffnet mit einer Mappe voller Dokumente, nur um nach einer Wartezeit zu erfahren, dass unser Formular I-130, Petition for an Alien Relative, nur per Post eingesendet werden kann. Und überhaupt, ob wir denn schon einen I-765 ausgefüllt hätten? Die nette Dame gibt uns das Formular dann auch gleich mit, allerdings die 9 Seiten Anleitung fehlen. Im Internet haben wir dann festgestellt, das das I-765 direkt wieder zum I-485 führt, dem Formular des Grauens, weil es aus einem ganzen Paket von Formularen besteht, die wir unmöglich ausfüllen können. Wir geben uns geschlagen und gehen zu lawyers.com, um einen Spezialisten zu finden.

Dienstag abend sind wir dann bei Ken und Renee zu einem besonderen kulturellen Spektakel eingeladen, der Robin Byrd Show (es gibt einen Link, den findet bitte jeder selber raus) auf Kanal 35, einer Strip Show für Laien. Laien, weil die Damen und Herren meistens nicht strippen können, aber durchaus professionell als Prostituierte, Pornodarsteller oder Callgirl/boy arbeiten. Ohne auf Details einzugehen, das war Hardcore! Und wenn einem die Strips noch nicht reichen, die Werbespots dazwischen sind auch blanker Porno - dagegen ist 0190-Werbung in Deutschland eine Kindersendung...

Diese Woche stand auch im Zeichen der Lolita Bar, unserer designierten Stammkneipe gleich um die Ecke. Ab 5 Uhr abends ist Happy Hour, ideal, um den Tag zu beschließen. Witzig: Das Lolita hat genau zu der Zeit aufgemacht, als wir nach New York gekommen waren - so was verbindet. Auch haben wir hier gelernt, was "Well Drinks" sind: "The cheap stuff", also Rum, Vodka oder Gin ohne Marke. Diese Frage wurde auch gleich mit einem Free Gin & Tonic für Elke belohnt.

Am Freitag habe ich dann meine Generalattacke auf den New Yorker Arbeitsmarkt gestartet. Langsam haben wir den Bogen raus: Viel Wirbel machen und wenn möglich immer anrufen, sonst passiert nichts. Dank Cable Modem und Standleitung gehen die Stellenanzeigen auf monster.com & Co. auch in Echtzeit ein, so dass ich sofort reagieren kann. Fängt an langsam Spaß zu machen...

Freitag abend sind wir zu einer Party in der Lava Lounge eingeladen. Eingeladen heißt, dass wir das Recht haben $20 pro Nase zu zahlen und dafür 2 Stunden lang umsonst zu trinken. Die Party wird von einem Freund von Ken geschmissen, der seinen Abschluss feiert. Das Ganze hat die Atmosphäre einer High-School Party, lauter Cheerleader und Quarterbacks und wenn das ganze nicht in einer ziemlich hippen Bar stattgefunden hätte, hätte man sich irgendwo auf dem Lande gewähnt. Wir geben zu, für uns waren die Jungs und Mädels zu jung, deswegen haben wir uns davon gemacht, als die Drinks wieder Geld kosteten.

Als wir das Loews Kino am Broadway zwischen Flatiron und Union Square gesehen haben, kam uns die Idee, in "Bridget Jones Diary" zu gehen, wenn der Film um - sagen wir mal - 0:15 anfängt. Er fing um 0:15 an und so haben wir mit vier anderen Besuchern Bridget Jones gesehen, der uns - abgesehen von Renee Zellweger - ziemlich kalt gelassen hat.